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Dörte Russland

Dörte Russland

Nun gut, soooooo klein war ich dann doch auch nicht mehr, als ich am 12.08.1995 die Aeroflot-Maschine Richtung Moskau betrat. Laut Ilja, der sich schon schadenfroh die Hände rieb, wären Aeroflot-Maschinen ja nicht mehr so sicher und überhaupt….Ja toll, denke ich, mein erster Flug in meinem Leben. Etwas mißtrauisch beäuge ich die Gangway und erklimme die Stufen dann doch frischen Mutes.
Die zweieinhalb Stunden vergingen recht rasch, zu viert fanden wir uns an der Paßkontrolle des Moskauer Sheremetjevo- Flughafens wieder. Warum wir zu viert waren? Nun, weil vier junge Leute auf die Idee kamen, ein Jahr lang als Austauschschüler in Rußland zu leben.

Ich fand eine Familie, oder besser für mich wurde gefunden, in der Nähe von Moskau, 40 km um genau zu sein. In Mendeleevo sollte ich leben. Ich staunte nicht schlecht, als ich an dem elfstöckigen Haus emporblickte und noch mehr, daß meine Begleiter die Ziffer 10 im Aufzug drückten, um mich in den heimeligen Schoß meiner zukünftigen Familie zu bringen.
Kläff, Kläff! Ein Hund. Hatte ich auf meinem Bewerbungsbogen wirklich angekreuzt, daß ich mit Haustieren leben wollte? Ich dumme Nuß, wo ich doch Hunde überhaupt nicht mag. Na gut, egal, dann bin ich mal tapfer und füge mich in das Unvermeidliche. Tür auf und schon springt mich ein ausgewachsenes Rottweiler-Baby an, vor dem ich später wohlweislich meine Schlappen in Sicherheit bringe. Erst mal rein in die gute Stube oder besser in die Zwei-Raum-Wohnung, die nun das Zuhause für vier Personen und einen Hund darstellte. Erst mal was essen und die ersten zarten Annäherungsversuche. Und ein abendlicher Spaziergan mit Mait, das war dieser unsagbar dumme Hund! Ich wußte gar nicht, daß es im August abends schon so kalt sein könnte. Brrrrr.
Mein Gott, das war ein Tag, mittags um 12 bin ich von zu Hause losgeflogen, habe Eltern, Freunde, Verwandte und Bekannte hinter mir gelassen, um mich in das größte Abenteuer zu stürzen. Abends um acht war ich bei meiner bis dahin völlig unbekannten Gastfamilie.

Oh wie gut, daß ich in der DDR aufwuchs und dazu verdonnert wurde, ab der fünften Klasse Russisch zu lernen. Halleluja….Es erleichterte mir dann doch die ersten peinlichen Minuten zu überstehen und mich willkommen und auf eine gewisse Art und Weise geborgen zu fühlen.
Ich hatte eine Schwester. Ira. Zwei Jahre jünger als ich. Oh, was haben wir gelacht, erzählt, Späße getrieben und uns gestritten. Doch doch, sogar das, aber dazu später mehr. Mit Ira hab ich die ersten Exkursionen in Moskau gemacht, habe mir den LENIN angesehen, den Kreml, den Roten Platz, McDonald’s.
Bis es dann im Frühjahr nicht mehr ging mit uns beiden, zu unterschiedliche Vorstellungen, was der Sinn eines solchen Schüleraustausches ist. Ich als Privatlehrerin für meine Schwester und dann auch noch auf Englisch? Nicht mit mir!!!. Ich bin doch kein Muttersprachler! Herr Gott noch mal, das ist ein Kulturaustausch.
Es blieb nichts anderes übrig, als ein paar Straßen weiter zu ziehen, auch wenn es nur noch drei Monate bis zu meinem Abflug waren. Aber ich habe sie genossen, diese drei Monate. Meine Familie ist meine Familie, sie sind meine Eltern und meine kleine Schwester Sweta ist mein kleines Schwesterlein. Ich liebe Sweta und Mama und Papa und Gena, das ist mein Bruder, obwohl er nun schon seit einigen Jahren in Japan ist. Ach war ich glücklich! Und dann noch einen ganzen Monat Ferien, den ganzen Juni frei, um Moskau noch mehr zu erobern und kennenzulernen.
Hach, fiel mir der Abschied schwer. Ein ganzes Jahr in einem Land zu leben, das man lieben lernt, ebenso wie die Menschen und die Küche. Aber ich komme wieder. Und ich kam wieder!
"Moskau, Moskau, Rußland ist ein schönes Land, wirf die Gläser an die Wand……". Hach, ich liebe diese Stadt, vom ersten Augenblick an. Liebe auf den ersten Blick sozusagen. Was es bei Menschen nicht gibt (ich weigere mich strikt, diesen Unfug zu unterstützen), klappt bei Städten ohne Probleme.

Für Moskau gelten nur zwei Extrema, man muß es lieben oder hassen. Ich habe mich für das Lieben entschieden, das macht die Sache einfacher…
Ich liebe nicht nur die fantastischen historischen Plätze, nein auch die Großmutter, die in der Metro Zeitungen verkauft, oder der Soldat der traurige Weisen auf seiner Harmonika spielt. Traurige Weisen gehören zu Rußland wie Wodka und Borscht.
Ich liebe diesen Gegensatz aus einstiger mittelalterlicher Prunksucht, kommunistischen und stalinistischen Bezeugungen (wieviele Lenindenkmäler gibt es? Haufenweise!) und moderne westliche Architektur.
Ich liebe die Theater, die Metrostationen, die Gebäude, die Denkmäler und Parks.
Ich liebe die Basare, die Kioske, die Märkte, die Eisstände.
Und ich liebe die Busse, die überhaupt gar nicht so aussehen, als wenn sie auf den nächsten hundert Metern zusmmenklappen und hunderte Leute unter sich begraben.
Ich liebe die Gelassenheit, geparrt mit Hektik. Hach, was solls, machen wir es kurz, diese Stadt ist einmalig!!!
Ein ganzes Jahr in einer fremden Kultur zu leben, erscheint am Anfang sehr einfach. Was soll schon passieren? Mit Anpassung wird schon nix schiefgehen.
Doch auch Anpassung ist ein Prozeß, der nicht leicht zu erlernen ist. Hihi, wieso gehen die denn alle mit Plastetüte in die Schule, komisch, das würde ich nie machen. Zu früh gedacht, auch ich schlenderte mit Plastetüte zur Schule. Ja, so weit kann es kommen. Nur die Nylonstrumpfhosen zu jeder Gelegenheit habe ich mir verkniffen…

Aber es war eine Zeit, die ich nicht mehr missen möchte. Ein Jahr fern ab der Heimat, fern von Eltern und Freunden, ist eine Erfahrung für das Leben, die auch nicht zu Ende ist, wenn man den Fuß wieder auf heimatliches Terrain setzt. Nein, im Gegenteil. Hier beginnt der Verarbeitungsprozeß, die Analyse. Gedanken werden ausgetauscht, mit anderen Austauschschülern, mit unbeteiligten.
Ein solches Jahr geht nicht spurlos an einem vorbei. Es ist wahnsinnig, selber zu erkennen, daß man sein eigenes Denken veränderte, auch sich selber veränderte. Ich habe meine Einstellung zu Deutschland, zum "alternativen" Denken, Aussehen geändert.
Ich muß nicht mehr jedem zeigen, welche politische Meinung ich habe, dadurch werde ich doch erst interessant für andere. Was nutzt es mir, wenn ich in meinen ältesten und abgefucktesten Klamotten über die Straße gehe und für jeden ersichtlich ist, daß ich in die alternative Schublade zu stecken bin. Kommt dann ein Gespräch zustande? Wohl eher nicht.
Ich stehe dazu, daß ich die kommunistische Idee als einer der tollsten Ideen halte, doch Ich bin Ich und muß meinen eigenen Weg gehen.
Auch selbstbewußter bin ich geworden. Klar, muß ich mich doch alleine durchbeißen, wenn ich den Weg nicht gefunden habe, da kann ich nicht hilflos auf der Straße stehen bleiben und darauf warten, daß Gott mir eine Eingebung schickt.
Demzufolge blieb nicht aus, daß ich als erstes meinen Kleiderschrank ausmistete. "Oh mein Gott!", war der erschrockene Kommentar meiner Mutter, als ich sie meinen Koffer auspackte. Hier Löcher und Risse, die Jeans völlig kaputt…
Ich bin der Austauschjahrgang 1995/1996. Auch wenn seit meiner Rückkehr inzwischen drei Jahre vergangen sind, so erschließen sich mir jeden Tag Dinge, die ich erst jetzt verarbeiten kann und verarbeitet habe. Auch die ehrenamtliche Arbeit beim Deutschen Youth for Understanding Komitee e.V., die Gesellschaft mit anderen Austauschschülern, egal, ob sie gerade ihr Jahr hier in Deutschland erleben, ob sie gerade frisch heimkehrten oder ob sie ein noch älterer Jahrgang sind, sie gibt mir die Möglichkeit, meine Erlebnisse zu verarbeiten und neu zu entdecken.

Es war eine der besten Entscheidungen, die ich in meinem Leben fällte. Es ergeben sich sehr viele neue Perspektiven, das Leben zu gestalten und sinnvoll zu nutzen.
Ein Auslandsaufenthalt ist eine einmalige Chance, etwas über sich, seine Kultur, sein Weltbild zu erfahren. Nutze die Gelegenheit, wenn sie sich dir bietet!!! Du möchtest sie nie wieder missen wollen, egal welches Land du besuchst
Dörte Keusch

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