Dorothea Norwegen

Neues kennen lernen, neue Kulturen, neue Leute eine neue Sprache lernen, das alles hat mich schon immer gereizt. Und spätestens nach dem Abi wollte ich einmal von daheim weg und mich auf etwas vollkommen Neues einlassen. Als ich dann im Sommer 1997 in einer Zeitschrift las, dass die Bausparkasse Schwäbisch Hall Stipendien für ein Austauschjahr innerhalb Europas bei der Organisation AFS vergibt beschloß ich mich zu bewerben. Zu meiner großen Überraschung erhielt ich eines der zwei Stipendien, womit ich, bei 70 Bewerbern, nie gerechnet hätte.

Besonders schwer viel mir die Auswahl des Landes, in dem ich das Jahr verbringen sollte. Alle meine Freunde rieten mir nach Italien oder Spanien zu gehen, da es dort schön warm ist und man die Sprache später noch brauchen kann. Ich interessierte mich aber viel mehr für Skandinavien, worauf meine Umgebung nur mit Unverständnis reagierte. Schließlich gab ich auf dem "Länderwahlbogen" Italien als meine erste Wahl an, Schweden als meine zweite und Norwegen als dritte. AFS gab mir dann, zum Entsetzen meiner Freunde und zu meiner großen Freude, einen Platz in Norwegen.
Zehn Tage vor meiner Abreise bekam ich endlich die Papiere über meine Gastfamilie, die in Sørumsand, einer kleinen Stadt östlich von Oslo lebt. Und am 10. August war es dann so weit, mit acht anderen Austauschschülern, einem Koffer voller warmer Kleidungsstücke und einer Herde Schmetterlinge im Bauch flog ich nach Oslo.
Die erste Woche verbrachte ich mit 40 anderen Austauschschülern zusammen in einem Sprach- und Orientierungscamp. Diese Zeit war sehr spannend und lustig. Wir lernten viel über die norwegische Kultur und auch etwas Norwegisch. Ich war damals schon überrascht, wie viele Unterschiede es zwischen der norwegischen und der deutschen Kultur gibt. Ich bin eigentlich davon ausgegangen, daß in zwei Ländern, die so nah aneinander liegen, alles sehr ähnlich ist. Schon die Gesellschaft ist anders (z.B. ist man Norwegen mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau schon viel weiter als bei uns), aber auch einfache Altagsdinge, z.B. benutz man fast keine Papiertaschentücher, was für mich zur Folge hatte, daß ich den ersten Teil des Winters schniefend durch die Gegend ging. Bis ich herausfand, daß Norweger Küchenrolle oder Klopapier verwenden. Und dann erst die Regeln beim Mensch-ärgere-dich-nicht. Die erste Runde die ich mit meinen Gastgeschwistern spielte endete in einem Chaos weil wir nach total verschiedenen Regeln gespielt haben. Aber am Ende lief alles toll, ich habe eine neue Weise zu spielen gelernt und meine Familie auch. Das war eine der schönen Erfahrungen an dem Austauschjahr, man lernt ständig neue Ding, oft auch in Bereichen in denen man es gar nicht erwartet hätte, wo man immer davon ausgegangen ist, es gibt keine andere Art etwas zu machen als die, die man gewöhnt ist, weil da wo man herkommt es alle so machen.
Aber um wieder auf das Camp zurück zu kommen. In dieser Woche hatte ich die Möglichkeit mit vielen andren Jugendlichen aus der ganzen Welt Bekanntschaft zu machen und Freundschaften zu schließen. Am interessantesten fand ich immer die Mahlzeiten, den dort konnte man die kulturellen Hintergründe der einzelnen gut sehen.

Nach einer Woche holten unsere Familien uns ab, was wohl der spannendste Moment des ganzen Jahres war, für mich vielleicht noch etwas aufregender als für die anderen da ich eine behinderte Gastschwester bekommen sollte und ich nicht wußte wie es sein würde mit ihr zusammen zu leben. Doch mit ihr hatte ich keine Minute lang Probleme: Am ersten Abend wollte sie bei mir auf den Schoß sitzen und von da an waren alle meine Ängste wie weggeblasen.
Allerdings gab es zu Anfangs einige Situationen, in denen ich mich fragte ob meine Familie sich richtig damit auseinandergesetzt hatte, was es heißt einen Austauschschüler auf zu nehmen. Sicher, sie waren alle nett zu mir. Aber vieles war noch nicht vorbereitet. Ich hatte zwei Tage vor Schulbeginn noch keinen Schulplatz weil sich niemand darum gekümmert hatte. Außerdem war mein Zimmer noch nicht richtig eingerichtet. Dazu kam dann noch Fenris, der Hund der einen übertriebenen Wachinstinkt besaß: Sobald er mich allein im Haus traf, bellte er mich an und lies mich nicht mehr weiter gehen was zur Folge hatte, daß ich mich nirgendwo mehr allein hin traute.
Heute lache ich darüber, den es waren alles nur Kleinigkeiten, die nichts zu sagen hatten. Jetzt weis ich wie vergesslich meine Gastmutter ist und wir hatten unsere Spaß mit ihr als sie an Ostern noch Weihnachtsgebäck in der Gefriertruhe fand, das sie an Weihnachten vergessen hatte. Und mit dem Hund kam ich schon bald bestens aus.
Ein Großteil meiner Zeit verbrachte ich in der Schule, nicht weil ich so viele Stunden hatte (gerade mal 26 pro Woche), sondern weil ich oft lange auf den Zug nach Hause warten mußte. Aber diese Wartezeiten nutzte ich dazu in der Schulbibliothek oder in der Kantine mit Klassenkameraden zusammen zu sitzen oder neue Kontakte zu knüpfen. Norweger sind sehr zurückhaltende Menschen, aber wenn man erst einmal mit ihnen ins Gespräch kommt sind sehr aufgeschlossen, hilfsbereit und gute Freunde.
Der Unterricht verlief für mich eigentlich ganz locker, da niemand viel von mir verlangte. Zu anfangs war die Sprache natürlich ein Problem, da ich nichts verstand. Aber wenn man den ganzen Tag nichts anderes hört als Norwegisch beginnt man sehr schnell es zu verstehen. Und nach Weihnachten habe ich Englisch aus meinem Wortschatz gestrichen. Bis es so weit war haben wir uns mit Händen und Füßen verständigt.
Wenn Norweger nicht zur Schule gehen oder nicht arbeiten halten sie sich immer irgendwo draußen auf, was nicht all zu erstaunlich ist, schließlich ist das Land riesig und hat gerade mal 4 Mio. Einwohner. Da war meine Familie keine Ausnahme und ich wurde gnadenlos mitgeschleppt, zum Ski fahren, zu Wanderungen in der Wildnis, zu Bootstouren und zu Grillfesten mitten im Februar! Und daß die Norweger von den Wikingern abstammen zeigt sich spätestens als meine Familie bei -2°C draußen schwimmen ging. Und sie schafften es sogar mich zu überreden mit zu gehen.
Aber bei diesen ganzen Unternehmungen hatte ich auch die Möglichkeit die Natur Norwegens zu bewundern: die Fjorde, die Berge, herrlich Wasserfälle… Ich war jedesmal wieder fasziniert von den wunderschönen Gebieten die es dort gibt.
Ansonsten habe ich mit den Norwegern immer gute Erfahrungen gemacht. Zwar wird immer von ihnen behauptet, dass sie zurückhaltend und abweisend sind, aber das ist anders, sobald man sie richtig kennengelernt hat. Und viele Jugendlich sind genauso offen wie ich es von hier gewöhnt bin.

Ich kann eigentlich allen, die selbst mal ein Jahr im Ausland verbringen wollen, nur dazu raten. Und jetzt, wo Europa immer mehr zusammen wächst, finde ich es wichtig, dass wir auch in europäische Staaten gehen. Wir glauben immer alles über unsere Nachbarn zu wissen. Daß es aber ganz anders sein kann als wir uns das vorstellen erfährt man erst, wenn man für längere Zeit eng mit den Bewohnern eines anderen Landes zusammen lebt. Auch die Sprache ist keine Barriere, den die lernt man in der Regel schnell wenn man erst mal im Gastland ist. Ich habe es keine Sekunde lang bereut, ein Jahr in Norwegen zu verbringen. Sicher gab es auch Momente in denen es mir weniger gut ging, aber die guten Erinnerungen überwiegen. Und wenn ich jetzt meine Urlaubspläne für die Pfingstferien machen, gibt’s überhaupt keinen Zweifel wo es hin geht: Nach Norwegen natürlich, meine Familie besuchen!

(Dorothea ist übrigens aktiv im AFS Komitee Schwarzwald-Baar.)

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