Schüler vor Kamel

Ankunft im Schüleraustausch in Indien

Egal ob reich oder arm, überall bist du willkommen und wirst zu einer Tasse Chai mit leckeren Samosas eingeladen

Mitte Juni: Das Flugzeug kommt zum Stehen. Endlich. Ein neuer Kontinent, ein neues Leben. Meine Knie sind weich. Ich bin mir nicht sicher, ob ich gierig aus dem Fenster starren oder bewusst gelassen meine Hände auf meine bebenden Knie legen und tief durchatmen soll. Ich entscheide mich für Ersteres. Draußen erblicke ich die übliche Masse an Beton, die die Flughäfen dieser Welt so gleich erscheinen lässt. Doch eines ist hier anders: Es ist unmöglich, den Beton in der Ferne scharf zu erkennen, zu heiß ist die Luft. Ich kann die Hitze förmlich sehen, ebenso die schwitzenden Gesichter der Fluglotsen. Alle tragen weiße Schildmützen, dreckig vom Schmutz der Arbeit. Im Hintergrund stehen ein paar vereinzelte Palmen, verdorrt spreizen sie ihre Wedel in alle Richtungen. Indien also. Ich steige aus dem Flugzeug und sofort ist sie da, diese Luft. Heiß und feucht - alle beschrieben sie mit diesen Wörtern, doch hatte ich bis zu diesem Moment nicht verstanden, was sie meinten. 

Hallo, mein Name ist Linda Dedinski und ich verbringe mein Auslandsjahr in Indien. So ziemlich die häufigste Frage die mir dann gestellt wird ist: „Warum denn nach Indien? Ist Amerika nicht viel schöner?!“ Natürlich sind Amerika oder Irland, die typischen Ziele eines Aufenthaltes im Ausland, einfacher - aber schöner nicht unbedingt. Trotz schmutziger, stinkender Straßen hat Indien doch eine einzigartige Landschaft. Mein erster Eindruck war aber nicht beeindruckend wegen der Landschaft oder dem köstlichen Essen, nein. Es war auffallend, wie freundlich die Menschen mit mir umgingen. Egal ob reich oder arm, überall bist du willkommen und wirst zu einer Tasse Chai mit leckeren Samosas eingeladen. Und ich glaube, so etwas fehlt einfach in vielen amerikanischen Haushalten.

Tempel vor Fluß in Indien

Der Schulbesuch im Schüleraustausch

Und wie in jedem anderen Auslandsjahr, gehe auch ich in die Schule. Ich habe das Glück, dass mein Gastvater der Eigentümer meiner Schule ist und ich somit viele Vorzüge genießen darf. Zu meiner Gastfamilie aber später.

Der Schulalltag unterscheidet sich ziemlich von dem anderer Schüler. Also erst mal gehe ich hier in die 11. Klasse, obwohl ich in Deutschland jetzt in der 9. wäre, aber da indische Schulen einen viel strengeren Lehrplan haben, wurde ich in die 11. versetzt - hier darf man seine Fächer selber wählen. Es gibt auch verschiedene Zweige zum auswählen, hier „Sciene“, „Medical“ und „Humanities“. Ich wählte Humanities, was so ziemlich dem Sozialzweig entspricht, weil man in den anderen ständig viel lernen muss um nicht durchzufallen oder sich vor der Klasse zu blamieren. Ich glaube, es ist verständlich, dass ich nicht das ganze Jahr mit Bücher drücken verbringen will. Obwohl ich in einer normalen Klasse bin (außer mir sind nur zwei weitere Schüler darin), habe ich einen privaten Stundenplan, sozusagen als Privileg eines Austauschschülers, den ich auch nach Belieben ändern kann. Luxusleben in der Schule!

Vor Lehrern in der Schule hat man hier übrigens noch richtigen Respekt. Sozusagen nach der Regel: Was der Herr Lehrer sagt, das ist Gesetz! Die Lehrerschaft wird mit Ma´am oder Sir angeredet, je nach Geschlecht. Danach kommt der Vorname. Mich würde man z. B. Mit Linda Ma´am anreden, was ziemlich lustig klingt und einen an alte amerikanische Filme erinnert. 

Etwas, das euch alle jetzt ein bisschen abschrecken wird, ist dass am Samstag Schule ist. Sechs Tage in der Woche lernen, an einem Tag darfst du dich ausruhen. Aber was indische Kinder unter Ausruhen verstehen, ist für die meisten von uns nicht verständlich. „Home tutions“ in der deutschen Sprache auch Nachhilfe genannt, wird hier von jedem Schüler verlangt. Meistens auch noch mehrere Fächer an einem Tag. Also: Aufstehen, Schule, Essen, Nachhilfe... und dann? Die Antwort wird alle Faulen unter uns schockieren. Noch mehr lernen! Diesmal mit den Eltern oder alleine. Danach Dinner, ein bisschen Freizeit und schon geht´s ins Bett. Dass Inder träge sind, kann man auf jeden Fall nicht behaupten. Hätten sie die Bildungsmöglichkeiten unseres Landes, könnten es viele von ihnen weit bringen.

Mein Leben in einer indischen Gastfamilie

Jetzt zu meiner Gastfamilie. Wir leben in einem großen Haus. Wenn ich groß sage meine ich, dass viele es eine Villa nennen würden. Zusammen mit uns, das heißt mit meinem Gastvater Bharat, Gastmutter Smriti, Gastbruder Darsh, Gastschwester Ahana und den Eltern von Bharat leben auch noch ein halbes Dutzend Hausangestellte hier. Richtig gelesen. Ich bin stolz sagen zu können, dass meine Gastfamilie einen Koch, eine Putzfrau, eine Hausfrau (letztere beide werden von der Familie als „Maid“ bezeichnet, ich finde das etwas menschenunwürdig, deshalb mache ich das nicht), zwei Chauffeure und ein paar Gärtner hat. Ich bin also rundum versorgt. Natürlich wird nicht jeder in so eine Familie versetzt, aber es kommt auch niemand in eine arme Familie, also keine Angst.

Die Kluft zwischen Reich und Arm 

Wie du sicher schon gehört hast, gibt es in Indien arme Menschen, Reiche und Superreiche. Die Kluft zwischen den ersten beiden vergrößert sich von Tag zu Tag mehr. Leider sehe ich das auch tagtäglich. Ein sehr großes Problem Indiens ist nämlich leider die Obdachlosigkeit, Armut, Kinderarbeit und Überbevölkerung. Aber erst mal der Reihe nach. Lasst uns mit der Obdachlosigkeit beginnen. Ein trauriges Schauspiel, das sich einem jeden Tag bietet. Als ich im Internet nach den Zahlen der obdachlosen Menschen Indiens gucken wollte, fand ich keinen einzigen Artikel. Unter 45.300 Ergebnissen. Ich schätze, dass es eine unvorstellbare Dunkelziffer gibt, da viele der Betroffenen nicht mal registriert sind. Als ich an meinem ersten Schultag mit dem Bus losfuhr und aufgeregt aus dem Fenster sah, sah ich ihn. Einen Mann, vielleicht Mitte 40, behindert ohne Beine liegend auf einer Bank bei einer Busstation, notdürftig mit Zeitungen und Kartons zugedeckt. So unhöflich es auch ist, konnte ich meinen Blick nicht losreißen. Die zerschlissenen schmutzigen Kleider, der abgeranzte Rollstuhl, der traurig daneben stand und dieser hoffnungslose Gesichtsausdruck, den er sogar hatte, wenn er schlief, riss mich in seinen Bann. Der Bus fuhr unbeeindruckt weiter und die Lehrer starrten weiter gelangweilt auf ihre Handys. Leicht schockiert starrte ich wieder raus und da! Noch einer und noch einer! Frauen, Kinder, Alte, Junge, Behinderte und Gesunde. Der Schulweg ist gesäumt mit hungernden und abgemagerten Menschen, die noch schlafen oder Müll in alten Säcken sammeln, hoffend ihn irgendwo zu benutzen um eine Unterkunft zu bauen.

Linda probiert ein indisches Musikinstrument

Tier in Indien  

Doch nicht nur unseresgleichen findet kein zu Hause, auch Tiere streifen durch die Straßen auf der Suche nach etwas Essbarem. Wir alle kennen doch diesen Nachbarn, der sich bei einer streunenden Katze aufregt: Für diesen Nachbarn wären die indischen Straßen die absolute Hölle. Pferde, Kühe, Hunde, Katzen und Maultiere stehen zwischen den parkenden Autos. Anstatt angemessenem Futter dient als Abendessen der bunte Müllhaufen mit den ganzen köstlichen Plastiktüten. Bon Appétit! 

Ich glaube das schwerste Schicksal von all diesen Tieren haben aber die Hunde. Warum? Nähern sie sich einem anderen Hund, der allerdings mit seinem Herrchen unterwegs ist, kassiert er ganz einfach Schläge mit dem Stock, den erfahrene Hundebesitzer immer dabei haben. Die Kuh, das allerheiligste Tier eines glaubenden Hindus, hat´s aber auch nicht leicht. Nicht nur einmal sah ich in den letzten Monaten die erstarrte Leiche am Straßenrand liegen, mit Fliegen und Würmern in den Nasenlöchern. Auch sehe ich oft eines dieser stolzen Tiere hinken oder gar ein ganzes Bein nachschleifen wenn sie auf dem Weg durch die Straßen sind. Was sich gar nicht so schlimm anhört, sieht aber schlimm aus. Über den Hufen sind oft bis zu 10 cm aufgeschlitztes, nacktes Fleisch. Wie so etwas passiert, weiß ich nicht und ich glaube, ich will es auch gar nicht wissen. Als nächstes gehen wir zur landesweiten Armut. Über 44% der Bevölkerung verdient weniger als 90 Cent pro Tag und lebt somit am Existenzminimum. Schuld daran sind unter anderem die Bildungsprobleme der heutigen Generation... und die der ganzen letzten Generationen. Aus den ärmeren Gegenden geht so gut wie kein Kind auf eine Schule, in Dörfern ist es ein richtiger Luxus. Dementsprechend bekommen sie keine gut bezahlte Arbeit und helfen bei den Eltern auf dem Feld. Ein ewiger Kreislauf. Obwohl die Regierung neue Gesetze erlassen oder verschärft, hält sich keiner daran. Ein Verbrechen ist fast unmöglich aufzulösen, denn die Slums halten zusammen und die meisten Polizisten sind bestechlich.

Beschäftigen wir uns jetzt mal mit der Kinderarbeit. Die indische Regierung veröffentlichte, dass um die 14 Millionen Kinder in der Landwirtschaft, in Fabriken, Textilproduktionen und sogar im Tourismus arbeiten. Kinderschützer vermuten, dass die Zahl eigentlich viel höher ist und zwar bei 60 Millionen! Warum lassen das die Eltern zu? Ganz einfach. Anders würden sie nicht überleben. Die Eltern sind meistens arm und können ohne den zusätzlichen Ertrag nicht genug Essen kaufen. So hart es auch klingt. 

Wenn ich zur Schule fahre, gibt es zwei Arten von Kindern, die man sieht: Die mit Schuluniform und die ohne. Die Letzteren verrichten Kinderarbeit. Wie du schon weißt, ist ein entscheidender Grund der Überbevölkerung die Armut. Indien ist im Moment das Land mit dem größten Bevölkerungswachstum. Schon längst ist die erste Milliarde erreicht. 

Zum Abschluss möchte ich noch sagen, dass wir als Ausländer in keiner Gefahr schweben. Das Aufdringlichste ist vielleicht ein indischer Verehrer, aber ansonsten kann ich jedem empfehlen, nach Indien zu gehen. Diese wundervollen Erfahrungen und Eindrücke prägen mich garantiert mein Leben lang!

LInda und Freundin auf einem Kamel

Linda Dedlinski ist AJA-Stipendiatin und verbringt ihren Schüleraustausch 2019/2020 mit der Austuschorganisation YFU e.V. in Indien.

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