Erfahrungen im Schüleraustausch in Russland: Moskau
© Eliane Meyer auf pixabay.com

Mein Schüleraustausch in Russland

Ich mag die Schule hier allgemein sehr gerne. Alle Lehrer sind nett und ich habe auch sehr schnell Freunde gefunden. Ich habe eine beste Freundin, wenn man das jetzt schon sagen kann. Auch wenn die ganze Schule nett zu mir ist, bin ich sehr froh richtige Freunde gefunden zu haben, die mehr oder weniger meine Interessen teilen und mit denen ich mich normal unterhalten kann, ohne nur das interessante Mädchen aus Deutschland zu sein.

lea in Moskau

Jetzt bin ich schon seit fast drei Monaten in Russland. Was am Anfang so neu war, ist jetzt für mich einigermaßen Normalität und Alltag geworden. Und obwohl ich schon relativ lange Zeit hier bin, kann ich es immer noch nicht glauben. Die Zeit geht so schnell vorbei und ich kann nicht fassen, dass es schon über ein Jahr her ist, dass ich die Zusage bekommen habe oder anfing die Bewerbung zu schreiben. Bald wird es ein Jahr her sein, dass ich am Flughafen in Russland angekommen bin und alles so neu für mich war.

In Domodedova am Flughafen wurden wir von unserem Betreuer abgeholt. Nachdem wir zwei Tage zur Vorbereitung in Moskau waren und etliche wunderschöne Sehenswürdigkeiten gesehen haben, wurden wir endlich von den Gastfamilien abgeholt. Ich wurde vom Bahnhof abgeholt. Als ich auf dem Weg zu dem Ort war, welcher für ein Jahr mein Zuhause wird, war ich sehr aufgeregt. Die Anderen warteten schon auf mich als wir ankamen. Ich habe zwei Gastbrüder (18 und 14) und eine Gastschwester (4). Ich wohne ungefähr 40 Minuten mit dem Auto von Moskau entfernt in einem „Mikro-Landkreis“ namens Belye Stolby in einem noch kleineren Dorf. Das Haus in dem ich lebe hat fünf Zimmer plus Küche und Badezimmer. Ich teile mir ein Zimmer mit der kleinen Schwester. Mir macht es sehr Spaß mit ihr zu spielen und ihr zum Glück auch :-) Der Garten ist sehr groß. Hier gibt es einen Hund, sehr viele Kaninchen und eine Katze, welche sich allerdings nur sehr selten blicken lässt. Außerdem werden im Garten Möhren, Paprika. Kohl, Gurken und noch Vieles mehr angepflanzt.

Meine Erfahrungen mit der Schule in Russland

Meine Schule liegt in Belye Stolby. Morgens fahre ich mit dem Bus zur Schule und zurück gehe ich immer zu Fuß (ungefähr 20 Minuten). Am 31. August war ich zusammen mit meinen Gastbrüdern in der Schule, um mich dort anzumelden, eintragen zu lassen und meine Schulbücher abzuholen. Die Schule hat mir von Anfang an sehr gut gefallen. Sie ist relativ klein (ca. 600 Schülerinnen und Schüler) und gemütlich eingerichtet, meiner Meinung nach. Ich denke das wäre anders, wenn ich mitten in Moskau zur Schule gehen würde. Die Klassenräume sind ebenfalls kleiner. Anders als in Deutschland kommen die Schüler zu den Räumen der Lehrer und Lehrerinnen und nicht andersherum. Diese sind demnach auch persönlicher eingerichtet und nach dem Thema des jeweiligen Faches mit Fotos, Postern, Pflanzen und Anderem dekoriert. Der Raum unserer Klassenlehrerin gilt sozusagen als unser Klassenraum.

Ich habe sehr viele Bücher erhalten (ca. 19/20 Stück). Fächer wie Mathematik, die mehrere Bereiche mit einschließen, sind unterteilt. Das heißt anstatt Mathe, habe ich Geometrie, Algebra und Informatik als einzelne Fächer. Geschichte ist z.B. geteilt in die Geschichte Russlands und die allgemeine.

Hier gehe ich in die 10. Klasse, da hier in der elften Klasse Abschlussexamen geschrieben werden. In Russland hat man nach der neunten Klasse die Möglichkeit zu entscheiden, ob man die Schule weiterführen oder eine andere Bildungseinrichtung besuchen möchte, wie z.B. eine Berufsschule. Nach der elften Klasse hat man seinen Schulabschluss, sozusagen Abitur, und darf eine Universität besuchen.

Der erste September in Russland ist ein besonderer Tag: „Der Tag des Wissens“. An diesem Tag ist in Russland der erste Schultag. Sogar wenn es ein Sonntag ist. Auch die Universitäten öffnen an diesem Tag. Es ist ein Feiertag, welcher „Neubeginn und Aufbruch“ bedeutet und unter anderem der Einschulung der Erstklässler gewidmet ist. Jeder zieht sich dem Feiertag angemessen schick an. Es sollte in den Farben schwarz-weiß oder blau-weiß gehalten werden. Meine Gastmutter hat mir einen riesigen Blumenstrauß und Schokolade gegeben, welche ich meiner Klassenlehrerin schenken sollte. Sie erklärte mir, dass dies in Russland üblich ist, vor allem wenn man neu auf die Schule kommt oder kurz vor dem Examen ist. Kurz gesagt: Wenn man Wohlwollen der Lehrerinnen und Lehrer möchte.

Als ich am ersten September an der Schule ankam, standen eine Menge Leute vor der Schule und Kinderlieder über die Schule wurden gespielt. Als wir eine Weile dort gewartet hatten und ich mich zu meiner Klasse gestellt hatte, wurden alle still und die Direktorin hielt eine Rede. Dann hat der 10. Jahrgang einen Tanz aufgeführt und darauf folgend marschierten die Erstklässler in Zweierreihen unter Applaus in die Mitte des Hofes und stellten sich vor die 11. Klasse. Ein Schüler aus der 11. Klasse hat eine Erstklässlerin auf den Arm genommen und sie läutete die Schulglocke. Das Schuljahr wurde eröffnet. Anschließend wurde ein Klassenfoto gemacht und wir sind in die Klassenräume gegangen.

Ich habe mich der Klasse vorgestellt und mir wurde ein Platz in der zweiten Reihe zugewiesen. Meine Klassenlehrerin ist sehr sehr nett. Sie unterrichtet Literatur, Russisch und Ethik und hat früher Deutsch gelernt. Dadurch kann sie noch ein wenig. Sie hat sich sehr darüber gefreut, dass ich aus Deutschland hier bin und hat mich sofort gefragt welche Werke der Russischen und Deutschen Literatur ich gelesen hätte. Außerdem hat sie mir ihre Hilfe angeboten beim Russisch lernen. Die ganze Klasse war ebenfalls sehr interessiert und hat mir alle möglichen Fragen gestellt über Deutschland, aus welchem Grund ich hier wäre und wie lange. Viele haben es zuerst nicht verstanden und dachten ich würde in Russland meinen Schulabschluss machen wollen, um hier zu studieren und zu leben. Was viele auch nicht nachvollziehen konnten, war dass ich in einem winzigen Dorf mein Auslandsjahr mache und nicht in Moskau, wo noch nicht mal sie leben wollen würden. Ich musste ihnen erklären, dass ich dorthin komme, wo eine Gastfamilie sich meldet und ich es mir nicht selber aussuchen könne. Nachdem wir alles Organisatorische geklärt hatten und den Stundenplan für den nächsten Tag aufgeschrieben hatten, konnten wir nach Hause gehen.

Ich mag die Schule hier allgemein sehr gerne. Alle Lehrer sind nett und ich habe auch sehr schnell Freunde gefunden. Ich habe eine beste Freundin, wenn man das jetzt schon sagen kann. Auch wenn die ganze Schule nett zu mir ist, bin ich sehr froh richtige Freunde gefunden zu haben, die mehr oder weniger meine Interessen teilen und mit denen ich mich normal unterhalten kann, ohne nur das interessante Mädchen aus Deutschland zu sein. Im Unterricht bekomme ich Extra-Aufgaben, die ich lösen kann und ich freue mich immer darüber, wenn ich etwas weiß und verstanden habe.

Mein Alltagsleben in Russland

Obwohl ich immer noch nicht alles verstehe, komme ich ganz gut mit der Sprache zurecht. Bevor ich hier war, konnte ich zum Glück schon schreiben, lesen und außerdem sehr viel verstehen sowie einfache Gespräche führen. Doch trotzdem ergeben sich manchmal kleine Missverständnisse: Ca. eine Woche nachdem ich dort war, habe ich den Gastbruder gefragt wo die Sachen zum Schuhe putzen wären. Ein bisschen später hat er mich dann gerufen und gesagt: „Die Sachen zum Schuhe putzen stehen im Garten!“. Das Wort für Schuhe ist „Obuw“ und ich habe es verwechselt mit dem Wort für Gemüse „Owusch“. Also bin ich sofort in den Garten gegangen. Dort stand eine Wanne mit Wasser und daneben Kohl und Kartoffeln, welche gerade frisch geerntet wurden. Ich habe also einfach angefangen, das Gemüse zu putzen, bis der Bruder irritiert in den Garten kam, um zu fragen, wieso ich das Gemüse putze.

Einmal hat die Gastmutter mich gebeten ihr einen Ring von oben zu bringen, für die Gastschwester. Als ich das Wort nicht wusste, hat sie mit einer Handbewegung so getan, als würde sie einen Ring anziehen. Ich dachte sie würde Handschuhe meinen, habe mich gewundert, weil Gäste da waren und es draußen noch warm war, aber sie gebracht. Als mich alle verwundert anschauten, habe ich verstanden was mit der Handbewegung wirklich gemeint war.

Ich habe auch schon für die Familie gekocht. Nachdem das erste Gericht für alle, außer der Gastmutter, zu stark gewürzt und scharf war, habe ich mich dazu entschlossen, das zweite Mal Spaghetti Bolognese zu kochen, weil man dabei eigentlich nichts falsch machen kann. Ich ging davon aus, dass es bekannt wäre was es ist und dachte es wäre ein international bekanntes Wort, wie z.B. „Computer“. Es hat zum Glück allen geschmeckt und sie wollten, dass ich ihnen zeige wie man die Nudeln richtig isst, falls sie mal nach Italien fliegen sollten. Aber trotzdem konnten sie nicht verstehen, warum ich das Fleisch zerkleinert und keine kleinen Frikadellen gemacht habe. Oder wieso die Nudeln nicht direkt mit allem verrührt oder angebraten wurden. Das waren nur kleine lustige Situationen. Mehr fällt mir nicht direkt ein und es gab noch keine großen Missverständnisse.

Ich habe mich gewundert, dass aus meiner ganzen Klasse nur ein Schüler halbwegs Englisch sprechen kann, weil die Schule sonst so streng ist. Die Anderen konnten nur einige Wörter. Mittlerweile verstehe ich, dass es wirklich sehr schwierig ist für die Schülerinnen und Schüler aus Russland Englisch zu lernen. Zu dem anderen Alphabet, welches sie zuerst lernen müssen, kommt ein vollkommen anderes System der Grammatik und Aussprache als im Russischen. Ich helfe seit ein paar Wochen der Cousine (10), mit der ich mich sehr gut verstehe, bei den Englischhausaufgaben und gebe ihr sozusagen Englischnachhilfe. Egal wie oft ich die richtige englische Aussprache wiederhole und erkläre, schafft sie es einfach nicht zu sagen, ohne dass ich das Wort komplett russisch ausspreche. Genau dasselbe Problem bemerke ich auch bei den Anderen aus meiner Klasse. Ich denke für die meisten ist es nicht wichtig Englisch zu können, da sie in Russland bleiben wollen und das reicht ihnen.

Am 5. Oktober ist „Der Welttag des Lehrers“. Ich habe wieder Blumen und Schokolade verschenkt und in der Aula wurde etwas für die Lehrerinnen und Lehrer aufgeführt. An diesem Tag hat meine Englischlehrerin mir erklärt, dass die älteren Jahrgänge (10. und 11. Jahrgang) am 7. Oktober die jüngeren Klassen für ein paar Stunden unterrichten. Sie fragte mich, ob ich für sie Englischlehrerin sein wolle und nachdem ich zugesagt hatte, gab sie mir eine Liste mit den Klassen, die ich unterrichten würde sowie dem Thema. Es war die sechste, siebte und achte Klasse. Am Anfang war ich sehr nervös, aber nachdem ich den Unterricht vorbereitet und sogar Arbeitsblätter erstellt hatte, freute ich mich darauf. Die Zeit ging so schnell um und alle waren sehr begeistert von mir, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob sie alles verstanden haben, da ich die Anweisung hatte nur Englisch zu reden. Ich habe Rosen und Schokolade geschenkt bekommen und alle wollten ein Foto mit mir machen. Es hat mir unglaublich Spaß gemacht und ich wünschte, das gäbe es mehrmals im Jahr. :D

Auf der Vorbereitungstagung haben wir eine Graphik/Stimmungsbogen besprochen, die das Wohlbefinden/Heimweh während des Austauschjahrs widerspiegelt. Sie trifft wirklich sehr zu. Auch wenn es bei mir selber sehr schnell schwankt. Am Anfang war alles sehr sehr toll und aufregend. Es war so viel Neues. Ich konnte mir fast nicht vorstellen stark Heimweh zu bekommen. Wirklich stark war es bei mir auch noch nicht. Nur manchmal erinnert mich etwas an Zuhause und ich werde ein wenig traurig und ich wäre in diesem Moment gerne mit Freunden/Familie aus Deutschland zusammen. Wiederrum, wenn ich mich über etwas freue und mich vollkommen wohlfühle, bin ich komplett 100% optimistisch und habe das Gefühl, als würde ich für den Rest des Austauschjahres gute Laune haben. Genauso auch mit der Sprache:

Bei mir ist es manchmal so, dass Leute denken ich würde fließend russisch sprechen, weil ich auf eine einfache Frage fast oder ganz akzentfrei antworte. Dadurch denke ich manchmal selber, ich spreche besser, als ich es wirklich tue. Dann bin ich manchmal sehr frustriert und ein wenig mutlos, weil ich etwas nicht verstehe, egal wie viel ich mich anstrenge und darüber nachdenke. Wiederrum ein anderes Mal, bin ich manchmal überrascht über meinen Erfolg und somit sehr motiviert.

Ende November gehe ich mit meiner Freundin in Moskau auf ein Konzert von einer Gruppe namens „MBAND“ und mit meiner Schulklasse ins Theater. Außerdem habe ich mich in der Musikschule angemeldet, die sie auch besucht. Ich werde jetzt einmal in der Woche Geigenunterricht nehmen und in den Chor gehen. Darauf freue ich mich sehr. Alles in Allem habe ich eine aufregende, wechselhafte, und vor allem im Moment KALTE Zeit. Von -5 C° wird es ab jetzt immer kälter bis hin zu -30 C°.

Du interessierst dich für den Schüleraustausch? 

Banner Schüleraustausch Programme
© AJA

Alle Erfahrungsberichte von SchülerInnen