Mädchen auf einer Kreuzung
© Olexy @Ohurtsov on Pixabay.com

Schüleraustausch trotz psychischer Probleme?

Erwachsen werden ist nicht immer eine leichte Sache. Daher sind Jugendliche besonders gefährdet, an psychischen Gesundheitsstörungen wie Depression, Ess- oder Angststörungen zu erkranken. In den letzten Jahren ist diese Zahl auch noch deutlich gestiegen. Laut Arztreport der Barmer Krankenkasse benötigten im Jahr 2019 rund 823.000 Kinder und Jugendliche psychotherapeutische Hilfe. Das sind 104 Prozent mehr als in 2009.  

Viele Schülerinnen und Schüler träumen von einem Auslandsjahr. Was heißt das für dich, wenn du in psychotherapeutischer Behandlung warst oder bist? Ist ein Schüleraustausch in dieser Situation überhaupt möglich und sinnvoll? Fakt ist: Ein Schüleraustausch ist eine prägende und intensive Erfahrung, kann aber auch eine psychische Belastung sein. Viele Austauschschüler erleben in ihrem Auslandsjahr eine Achterbahn der Gefühle. Die Gefahr eines Rückfalls ist dadurch recht groß und muss in die Abwägungen einbezogen werden. Ein Schüleraustausch kann aber auch deine Persönlichkeit stärken, dich selbstständiger und reifer machen und somit helfen, dich langfristig zu stabilisieren.  

Ganz wichtig ist: Wenn du einen Austausch machen möchtest, solltest du eine Vorerkrankung auf keinen Fall verschweigen. Viele Organisationen haben feste Regeln und auch viel Erfahrung im Umgang mit psychischen Problemen. Sie werden mit dir und deinen Eltern im Gespräch die Vor- und Nachteile eines Schüleraustausches in deiner Situation abwägen und dich entsprechend beraten. Denn neben praktischen Erfordernissen wie zum Beispiel bei der Auslandskrankenversicherung geht es auch darum, dich im Zielland optimal zu unterstützen und die besten Bedingungen für dich zu schaffen.  

Wir haben Victoria Schnur, Austauschreferentin bei Partnership International, ein paar Fragen gestellt, wie ihre Organisation mit Jugendlichen umgeht, die psychische Vorerkrankungen haben. 

1. Ist ein Schüleraustausch für Jugendliche mit psychischen Problemen empfehlenswert?

Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Es ist vor allem wichtig interessierten Schülern und deren Eltern deutlich zu machen, welche Herausforderungen ein Austauschprogramm birgt. Es ist Teil des Programms durch verschiedene emotionale Belastungssituationen zu gehen - vom „Honeymoon“ bis in das zuweilen tiefe Tal des Kulturschocks. Wenn diese Situationen Krisen triggern, dann ist eine Teilnahme nicht empfehlenswert - auch im Hinblick auf das, was Gastfamilien in diesem Programm leisten. Gut medikamentös eingestellte oder austherapierte Schüler können aber durchaus an einem Austauschprogramm teilnehmen.  

2. Können Jugendliche, die eine Therapie wahrnehmen trotzdem an einem Schüleraustausch teilnehmen? 

Es ist nicht ratsam, eine akut stattfindenden Therapie für ein Austauschprogramm zu unterbrechen. Wir empfehlen, dass die Therapie mind. 2 Jahre vor Programmstart erfolgreich abgeschlossen wurde. 

3. Können Jugendliche, die zuletzt in einer psychiatrischen Klinik behandelt wurden, an einem Schüleraustausch teilnehmen? 

Wir empfehlen, dass die Therapie - egal ob ambulant oder stationär - mind. 2 Jahre vor Programmstart erfolgreich abgeschlossen wurde. 

4. Können Jugendliche, die zuletzt in einer psychiatrischen Klinik behandelt wurden, an einem Schüleraustausch teilnehmen?  

Alle psychischen Erkrankungen, die potenziell lebensbedrohlich sind, sind als solche zu betrachten. Hier möge man sich stets vor Augen führen, was man einer Gastfamilie aber auch den Teilnehmenden und den leiblichen Eltern mit einer Teilnahme an einem oftmals herausfordernden Programm damit zumutet. 

5. Welche Hilfestellungen und Möglichkeiten seitens der Organisationen gibt es in dem Gastland für Austauschschüler, die während ihres Austausches mit psychischen Problemen zu tun haben? 

Die Versicherung von PI deckt psychologische Erstkonsultationen bis zu einem bestimmten Betrag ab. Vorerkrankungen und die damit beispielsweise verbundenen Kontrolltermine oder Medikamente sind nicht mit versichert und müssen von den Familien selbst getragen werden. Wenn eine psychische Erkrankung vorab bekannt war, bemüht sich PI mit den internationalen Partnern ein entsprechendes Netzwerk im Gastland sicherzustellen, um z.B. sicherzustellen, dass notwendige Arztbesuche durchgeführt werden können. Die Möglichkeit einer längerfristigen Behandlung  von neu und akut auftretenden psychischen Problemen wird immer individuell betrachtet. Hier wird aber in der Regel empfohlen, diese Behandlung im Heimatland und in der eigenen Muttersprache durchzuführen. 

Danke für das Gespräch! 

Du interessierst dich für den Schüleraustausch? 

Banner Schüleraustausch Programme
© AJA